Jüdische Kinder wachsen in einer Gesellschaft auf, in der Antisemitismus historisch wie gegenwärtig (strukturell) verankert ist. Mit Blick auf die geltenden Lehr- und Bildungspläne der Bundesländer zeigt sich eine anhaltende Tendenz, die systematische Auseinandersetzung mit Antisemitismus erst in höheren Klassenstufen vorzusehen. Für die Grundschule oder die unteren Jahrgänge finden sich hingegen eher nur indirekte oder allgemein gehaltene Bezüge.
Biografisch angelegte Studien zeigen, dass jüdische Kinder bereits im Kita- und Grundschulalter antisemitischen Wissensbeständen ausgesetzt sind, diese internalisieren und in ihren Deutungen sowie Interaktionen einsetzen. Aufgrund der wahrgenommenen Passivität und Unentschlossenheit des pädagogischen Umfelds werden Kinder, die von Antisemitismus betroffen sind, allein gelassen. Dies ist problematisch: Zum einen fehlt es an wirksamen Schutz- und Interventionsstrukturen für jüdische Kinder, die von Antisemitismus betroffen sind. Zum anderen wird die frühe Bildungsphase – ein Alter, das durch besondere Neugier, Offenheit und Reflexionsbereitschaft gekennzeichnet ist – nicht genutzt, um eine kritische Auseinandersetzung mit antisemitischen Wissensbeständen anzuregen. Es stellt sich die Frage, wie (politische) Bildung so gestaltet werden kann, dass antisemitische Alltagspraktiken weder verharmlost noch entpolitisiert werden – und zugleich die Perspektiven, Erfahrungen und Schutzbedarfe der unmittelbar betroffenen Kinder strukturell verankert werden.
Im Rahmen des Fachgesprächs werden zunächst die Zwischenbefunde der 2025 durchgeführten Studie vorgestellt und anschließend die Herausforderungen und Grundsätze einer antisemitismuskritischen politischen Bildung im Kindesalter mit Expert*innen diskutiert.