Geht der Westen wieder unter? Die Benjamin Lectures 2026

Im Jahr 2026 hat der international anerkannte Historiker Dipesh Chakrabarty den Benjamin Chair am Centre for Social Critique inne. Ein Vierteljahrhundert nach der Veröffentlichung seines bahnbrechenden Essays „Provincializing Europe“ wird Chakrabarty die Frage aufwerfen, ob die vielfältigen ökologischen Katastrophen, die den Planeten heimsuchen, eine Provinzialisierung der Menschheit selbst erforderlich machen.

Der Aufstieg autoritärer Tendenzen, der globale Bedeutungsgewinn Chinas sowie ökologische Krisen planetarischen Ausmaßes lassen die Langzeiterzählung vom „Untergang des Abendlandes“ neu aufbrechen. Beschleunigte Modernisierung und die Werte der Moderne scheinen nicht länger zusammenzupassen – die Metapher des zivilisatorischen Untergangs greift nicht mehr, wenn alle Zivilisationen gleichzeitig unter Druck geraten.

Drei Lectures an drei Tagen, jeweils 18 bis 20 Uhr:
Der Historiker Dipesh Chakrabarty von der University of Chicago hat 2026 den Benjamin Chair des Centre for Social Critique inne. Vom 23. bis 25. Juni 2026 greift Chakrabarty in seinen Lectures seine These der Provinzialisierung Europas auf und führt sie fort: Das Streben nach Zukunftsentwürfen für eine befreite Menschheit war einst das zwar fehlerhafte und umstrittene, aber trotz allem universelle Erbe der europäischen Kolonisierung, die in der Unterwerfung fremder Länder und des Lebens ihrer Bevölkerungen bestand. Würde eine Erneuerung dieses Strebens es heute erfordern, die USA oder gar die Menschheit selbst zu provinzialisieren?

Dipesh Chakrabarty

Nur wenige zeitgenössische Denker haben unser Verständnis von Geschichte und der modernen Welt so grundlegend verändert wie Dipesh Chakrabarty. Er ist Lawrence A. Kimpton Distinguished Service Professor für Geschichte und Süd-Asiatische Sprachen und Zivilisationen an der University of Chicago, Gründungsmitglied des Subaltern Studies Collective und Mitherausgeber der Zeitschrift Postcolonial Studies seit ihren Anfängen. Seine Arbeit hat unser Verständnis der Gegenwart verändert, indem sie postkoloniale und planetare Perspektiven zusammenbringt.

Chakrabartys Bücher erforschen die Entstehung der sogenannten globalen Moderne durch ihre Verstrickungen mit dem Empire, der Arbeit und ökologischen Prozessen. Auf der Grundlage philosophischer Erkenntnisse und Erfahrungen des Globalen Südens zeigt Dipesh Chakrabarty, dass die eurozentrische Erzählung von Fortschritt und Emanzipation nie einen in sich geschlossenen Vorgang beschrieben hat. Er eröffnet eine planetare Perspektive, die auf die Auswirkungen von Kapital und kolonialer Macht aufmerksam macht.

Für seine außergewöhnlichen Leistungen wurde Chakrabarty mit dem Toynbee Prize und Ehrendoktorwürden der Universitäten von London und Antwerpen sowie der École Normale Supérieure in Paris ausgezeichnet. Er wurde in die American Academy of Arts and Sciences gewählt, ist Ehrenmitglied der Australian Academy of the Humanities und korrespondierendes Mitglied der British Academy. Einige seiner bekanntesten Werke sind „Rethinking Working-Class History“ (Princeton, 1989), „Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung“ (Campus, 2010), „The Crises of Civilization: Exploring Global and Planetary Histories“ (Oxford, 2018), „Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter“ (Suhrkamp, 2022) und „Ein Planet, viele Welten. Die Klima-Parallaxe“ (Suhrkamp, 2025).

Die Benjamin Lectures 2026 werden vom Centre for Social Critique in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisiert. Die drei Vorlesungen bauen aufeinander auf. Dennoch kann jede Lecture auch unabhängig von den anderen besucht werden.

Die Lectures finden auf Englisch mit deutscher Simultanübersetzung statt.

Mehr Information

Zum Weiterhören:
tl;dr Podcast Folge 21: Dipesh Chakrabarty
Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter
Alex Demirović im Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Markus Wissen, 24.11.2022

Zum Event

Event Detail

23. Juni 2026 18:00
25. Juni 2026 20:00
John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin

Organizers

Rosa-Luxemburg-Stiftung
info@rosalux.org
Die Rosa-Luxemburg-Stiftung gehört zu den großen Trägern politischer Bildungsarbeit in der Bundesrepublik Deutschland. Sie versteht sich als ein Teil der geistigen Grundströmung des demokratischen Sozialismus.