Traditionen des Antimilitarismus in ihrer Aktualität

In Deutschland, Frankreich und auf Ebene der Europäischen Union lässt sich eine zunehmende Militarisierung der Gesellschaft beobachten: von der Mobilisierung der militärisch-polizeilichen Verteidigungsapparate über die Umverteilung des Nationalprodukts zugunsten der Rüstungsindustrie bis hin zu politischen Bestrebungen, den öffentlichen Diskurs im Sinne des Krieges umzugestalten. Diese Entwicklungen vollziehen sich in einem geopolitischen Kontext, der durch die Aushöhlung des internationalen Rechts und multiple Kriege (inklusive des russischen Angriffs auf die Ukraine, des US-israelischen Angriffs auf den Iran sowie des Genozids in Gaza) geprägt ist. Gleichzeitig sind diese Entwicklungen Reaktion auf eine tiefgreifende, systematische Krise der modernen Gesellschaft.

Mit dem Aufschwung des Militarismus macht sich auch seine Negation wieder geltend: Europaweit entstehen und verstärken sich Widerstände gegen die Remilitarisierungsprogramme. Sie werden maßgeblich von sozialen Bewegungen sowie von zivilgesellschaftlichen und aktivistischen Initiativen getragen. Sie reichen von Streiks der Hafen- und Flughafenarbeiter*innen über Schulstreiks und Demonstrationen gegen Aufrüstung bis hin zu Praktiken des zivilen Ungehorsams, des Boykotts und der Sabotage. Diese Widerstände verknüpfen sich mit anderen Protesten gegen das bestehende System, sei es in Bezug auf Klima, Gender, den Sozialstaat oder die Migrationspolitik. Auch innerhalb der Wissenschaft zieht die zunehmende Vermischung von ziviler und militärischer Forschung immer mehr Kritik auf sich.

Das Kolloquium setzt sich zum Ziel, diese vielfältigen antimilitaristischen Phänomene historisch zu untermauern und bezieht sie deswegen auf die kritischen Wissensbestände, die aus den europäischen politischen und intellektuellen antimilitaristischen Traditionen hervorgegangen sind. Das Plural ist intendiert: Es handelt sich um mannigfaltige Ansätze, die von der zweiten Hälfte des 19. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden und jeweils unterschiedliche Facetten des Kampfes gegen die Militarisierung der Gesellschaft aufgriffen. Im Rahmen des Kolloquiums werden unter anderem die sozialistischen Bewegungen von 1914 bis 1918, die Nachkriegsproteste gegen die Atomaufrüstung der Westlinken, die Frauenfriedensbewegungen der 1980er Jahre sowie die antiimperialistischen Kämpfe und die Dekolonisierungskriege in den Blick genommen. Eine derartige Bandbreite antimilitaristischer Theorien und Praktiken spiegelt sich im interdisziplinären Charakter der Veranstaltung wider: Bei der Lektüre vergangener Kämpfe und der sie protokollierenden Texte werden sich die Referent*innen an einer Schnittstelle von Geschichte, Soziologie, Philosophie und Kritischer Theorie bewegen und dabei verschiedene disziplinäre Zugänge berücksichtigen. Dabei bleibt es jeweils ausschlaggebend, das Vergangene mit den Koordinaten der Gegenwart in Beziehung zu setzen, sodass das Kolloquium auch Einblick in die heutigen antimilitaristischen Debatten gewähren sollte, beispielsweise in die Diskussion um die Mobilisierungsmechanismen der Bevölkerung (freiwillige nationale Dienste, Reservepolitiken, „Vorbereitung des Geistes auf den Krieg“), die Zusammenhänge zwischen Militarismus und Imperialismus, das Verhältnis zwischen Antimilitarismus und Pazifismus, die Beziehung des Militarismus zur gegenwärtigen Polykrise und zum neoliberalen Kapitalismus sowie die komplexen Verhältnisse zwischen militärischer Unterstützung eines angegriffenen Volkes und der Kritik an Dynamiken kriegerischer Eskalation auf internationaler Ebene und die gegenwärtigen Formen internationaler Solidarität.

Das Kolloquium arbeitet an der Herstellung eines Verhältnisses von Beerbung und Vermächtnis. Einerseits geht es darum, den gegenwärtigen Militarisierungsprozessen und antimilitaristischen Bewegungen ihre historische Tiefenschärfe zurückzugeben, indem die historischen Schichten, Genealogien, Brüche und Kontinuitäten, dialektische Gegenkräfte, Nachwirkungen und Wiederkehrerscheinungen, die sie konstituieren, untersucht werden. Andererseits geht es darum, die Bedingungen der Aktualisierung antimilitaristischer Traditionen sowie die kritische Kraft der „unabgeschlossenen Vergangenheiten“ (Bloch), die ihre Geschichte durchziehen, zu reflektieren.

Das Kolloquium findet in deutscher und französischer Sprache statt. Eine Übersetzung der Beiträge wird organisiert.

Neben dem Präsenzformat ist auch eine Online-Teilnahme möglich. Der entsprechende Link wird zeitnah auf der Internetseite des Marc-Bloch-Zentrums veröffentlicht.

Organisiert von Déborah V. Brosteaux (Centre Marc Bloch – Université Libre de Bruxelles), Simone Buzzi (UNIL-Lausanne) und Nikita Zagvozdkin (Bergische Universität Wuppertal).

Eine Veranstaltung des Marc Bloch Zentrum in Zusammenarbeit mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung und dem Centre de Recherche sur l’Expérience de Guerre (CREG, MSH-ULB).

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Event Detail

17. September 2026 10:00
18. September 2026 18:30
Digitalevent

Organizers

Rosa-Luxemburg-Stiftung
info@rosalux.org
Die Rosa-Luxemburg-Stiftung gehört zu den großen Trägern politischer Bildungsarbeit in der Bundesrepublik Deutschland. Sie versteht sich als ein Teil der geistigen Grundströmung des demokratischen Sozialismus.