Wir wollen die Biographie des vielseitig gebildeten Geographen, Physikers, Mathematikers, Historikers, Schriftstellers und kommunistischen Anarchisten Pjotr Kropotkin vorstellen und der Frage nachgehen, wie ein Angehöriger des Hochadels sich zu einem Anarchisten entwickeln konnte und welche Relevanz seine wissenschaftlichen Werke heute haben. Geboren als Angehörige des Hochadels, wenden sich die Brüder Pjotr und Alexander Kropotkin entschieden von der Ausbeutung der 1200 leibeigenen Bauern auf den väterlichen Gütern ab und durch ihre evolutionären, aufgeklärten Ideen einer gewalt- und herrschaftsfreien Gesellschaft als Anarchisten zu.
Wir können sehen, dass Pjotr die Verschlechterung der Lage der Bauern nach Aufhebung der Leibeigenschaft unter Zar Alexander II. und die wirtschaftliche Abhängigkeit der geographischen und geologischen Entdeckungen und Forschungen von staatlichen Geldern den Entschluss Pjotrs festigt, der gesicherten Existenz eines Sekretärs der Russischen Geographischen Gesellschaft das unsichere Leben als revolutionärer Aktivist des Anarchismus vorzieht.
Diese Entscheidung führt dazu, dass er aufgrund seiner Mitgliedschaft in anarchistischen Gruppen und wegen zahlreicher Publikationen zum Anarchismus in russische und französische Haft gerät und daraus nur durch 20 Helfer aus Russland und durch öffentliche Unterstützung, u.a. von Edgar Wallace und Victor Hugo, aus französischen Gefängnissen entkommt.
Pjotr Kropotkins anarchistischer Aktivismus (1872-1886) endet, als sein Bruder 1886 in Sibirien infolge seiner Verbannung Selbstmord begeht. Dessen Frau und Kinder fliehen zu ihm, seiner Frau und seiner gerade geborenen Tochter nach London. Infolgedessen muss Pjotr durch Publikationen in sozial-, natur-, geisteswissen-schaftlichen und anarchistischen Zeitschriften und Zeitungen und durch Vorträge im In- und Ausland für den Lebensunterhalt seiner vergrößerten Familie sorgen. Mit Oskar Wilde und George Bernard Shaw bemüht er sich um die Freilassung der Chicagoer Anarchisten Sacco und Vanzetti. 1888 schreibt Kropotkin Artikel über Landwirtschaft, Industrie und Handwerk und Lohnsystem. 1890-1996 verfasst er sein von Gustav Landauer in London übersetztes, 1902 auf Deutsch publiziertes Werk „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“. Aufgrund seiner auf Expeditionen ins östliche Sibirien bis nach China gewonnenen Erfahrungen gelangt er über Charles Darwins Vorstellung vom Konkurrenzkampf als dem das Überleben der Gattungen bestimmenden Prinzip hinaus. Kropotkins Werk offenbart, dass eine gattungsübergreifende Solidarität das wirkliche Überlebensprinzip ist, das angesichts von kapitalistischer Konkurrenz, Hochrüstung und Klimawandel bis heute weltweite Bedeutung hat. Dazu wollen wir einen Film zur Kooperation zwischen Adler und Bär zeigen.
1892 erscheint sein bekanntestes Buch über den Anarchismus mit dem Titel „La conquête du Pain“ in der Zeitschrift „La Révolte“. Kropotkin macht 1897 Vortragsreisen nach Kanada.
Während viele Anarchisten im Krieg zwischen Deutschland und Frankreich antimilitaristische Standpunkte vertraten, ist Kropotkin überzeugt, dass sich Anarchisten auf Seiten der Franzosen und nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf Seiten der Entente-Mächte gegen Deutschland beteiligen sollten, da sich durch einen Sieg Deutschlands die autoritären Tendenzen in der Gesellschaft durchsetzen würden.
Nach der Niederschlagung der Russischen Revolution von 1905 erscheint sein Werk „Stellungnahme zum weißen Terror in Russland“, das großen Einfluss auf die britische öffentliche Meinung hat. Im Juni 1917 kehrt Pjotr Kropotkin nach der Februar-Revolution nach Russland zurück. Von etwa 60.000 Menschen wird er in St. Petersburg enthusiastisch empfangen. Sein Appelll für die Fortführung des russischen Kampfs gegen Deutschland erreicht aber die kriegsmüde Bevölkerung nicht und entfremdet die Mehrheit der Anarchisten in Russland von ihm. Den Posten als Bildungsminister in der provisorischen Regierung Kerenskys lehnt Pjotr als Anarchist ab.
Nach der Machtergreifung der Bolschewiki in der Oktoberrevolution werden besonders die Anarchisten verfolgt. Kropotkin bleibt aber aufgrund seines Einflusses und seiner Popularität in der russischen Bevölkerung unbehelligt. Im Sommer 1918 ziehen Kropotkin und seine Frau Sophia von Moskau nach Dmitrow und er beginnt seine Arbeit an einer Geschichte der Moral unter dem Titel „Ethik“, von der er bis zu seinem Tod im Jahr 1921 nur den ersten von zwei Bänden fertigstellen kann.
Weite Verbreitung in westeurpäischen Medien findet Kropotkins Appell gegen eine Intervention der westeuropäischen Mächte in Russland. So vereinbaren die Bolschewiki im Mai 1919 ein Treffen Kropotkins mit Lenin, bei dem sie über die Revolution diskutieren und Kropotkin den Verlauf der Revlution und die Aktionen der Bolschewiki kritisiert. Der Kommissar für Bildung Lunatscharski bietet Kropotkin dennoch für den Druck seiner gesammelten Werke 250.000 Rubel an. Kropotkin lehnt aber als Anarchist jede staatliche Hilfe ab, so dass keine Gesamtausgabe zustandekommt. Als die Bolschewiki im Herbst beginnen, hochrangige Offiziere der Weißen Armee als Geiseln zu nehmen, um sich vor Angriffen zu schützen, kritisiert Kropotkin dies als „rückständig“ und „mittelalterlich“.
Geschwächt durch einen Herzinfarkt, die in Gefängnissen zugezogenen Krankheiten der Malaria und des Skorbuts verstarb Pjotr Kropotkin am 8. Februar 1921 an einer Lungenentzündung. Sein Sarg wurde von 10.000 Anarchisten begleitet, auch solchen, die man kurzfristig für die Beerdigung aus dem Gefängnis entlassen hatte.