Der Titel greift eine Formulierung Václav Havels auf: den Versuch, sich innerhalb ideologisierter Verhältnisse nicht mit den einfachen „Wahrheiten“ zufriedenzugeben, die eine Gesellschaft über sich selbst erzählt. Davon ausgehend beschäftigt sich der Vortrag mit einer Gegenwart, in der sich kaum jemand als rassistisch oder antisemitisch versteht und dennoch gerade über Rassismus und Antisemitismus erbitterte gesellschaftliche Konflikte geführt werden.
Dafür werden zunächst die unterschiedlichen historischen Genealogien von antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus nachgezeichnet: von der Vorstellung eines „christlichen Europas“ über moderne rassistische Ausschlüsse bis zum Antisemitismus als Welterklärung. Zugleich geht es darum, wo beide Ideologien ineinandergreifen – etwa in rechtsextremen Verschwörungsdenken – und wie ihre politische Instrumentalisierung dazu führen kann, dass Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus gegeneinander ausgespielt werden.
Der Vortrag nimmt dabei auch Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in den Blick: Wie können Selbstbilder einer geläuterten, aufgeklärten Gesellschaft neue Ausschlüsse ermöglichen? Und wie können selbst emanzipatorische oder linke Milieus rassistische oder antisemitische Deutungen übernehmen, wenn diese nicht als solche erkannt werden?
Es geht damit nicht darum, Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus gleichzusetzen, sondern ihre Unterschiede, Überschneidungen und auch ihre politische Funktionalisierung genauer zu verstehen.