Der Marxismus entstand im 19. Jahrhundert und entwickelte sich im 20. Jahrhundert enorm weiter. Er wurde zu einem Grundpfeiler der revolutionären Kämpfe des vergangenen Jahrhunderts, beginnend mit der Oktoberrevolution von 1917 in Russland und den antikolonialen und antiimperialistischen Bewegungen im Globalen Süden. Dazu gehörten so unterschiedliche Länder wie Vietnam, China, Ghana, Guinea-Bissau und Kuba; weltweit bekannten sich Hunderte politischer Organisationen und Parteien zum Marxismus oder zu einem vom Marxismus inspirierten Denken.
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts erklärten jedoch viele den Marxismus für tot und für die Welt nach dem Ende des Kalten Kriegs irrelevant. Solche vorschnellen Schlussfolgerungen zeugten allerdings von einem begrenzten Verständnis des historischen Augenblicks. Tatsächlich haben sich Marx und der Marxismus als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen, insbesondere im Globalen Süden unabhängig von den sich verändernden Umständen.
Der Vortrag soll zeigen, dass Marxismus heute als global verortet und in realen Kämpfen verwurzelt verstanden werden muss, statt ihn als rein westliches Phänomen oder als ein geschlossenes theoretisches System zu betrachten. Er muss als lebendige Tradition verstanden werden, die von konkreten Situationen und Kämpfen geprägt und inspiriert wird und aus der Aktivist_innen und Revolutionäre immer wieder Einsichten geschöpft haben, um sich der kolonialen Herrschaft, der imperialistischen Expansion und der ökonomischen Ausbeutung entgegenzustellen.
Von den antikolonialen und antiimperialistischen Kämpfen bis hin zu postrevolutionären und postkolonialen Projekten des Staatsaufbaus hat der Marxismus sowohl eine Sprache der Kritik als auch eine praktische Orientierung für die Gestaltung gerechterer und gleichberechtigterer Gesellschaften bereitgestellt, in denen sich die Lebensbedingungen von Millionen Menschen verbesserten. Diese Erfahrungen zeigen, dass die Bedeutung des Marxismus nicht in einer abstrakten Lehre liegt, sondern in seiner Fähigkeit, zur Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen dann beizutragen, wenn er an konkrete historische und gesellschaftliche Kontexte angepasst wird.