Klar ist: Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind in Bewegung – das ist kaum zu übersehen. Weniger klar ist, wohin die Reise geht und welche Kräfte sie antreiben. Vieles, was jahrzehntelang als selbstverständlich galt, steht plötzlich zur Disposition: sozialstaatliche Sicherheiten, internationale Ordnungen, die Art und Weise, wie wir arbeiten und leben. Und doch fehlt es oft an den richtigen Begriffen, um diese Verschiebungen zu fassen und politisch zu bearbeiten. Genau hier setzt der Kongress an.
„Zeit zu Denken II“ knüpft an den ersten Kongress an und stellt eine zentrale Frage in den Mittelpunkt: Steckt der Neoliberalismus in einer strukturellen Krise, sprich: verdichten sich die aktuellen Entwicklungen in Politik, Ökonomie, Arbeitsmarkt, Sozialstaat und Geschlechterverhältnissen zu einer neuen Formation des Kapitalismus; oder erleben wir gerade seine autoritäre Zuspitzung? Und was würde das für linke Analyse und emanzipatorische Perspektive bedeuten?
Über drei Tage wollen wir diesen Fragen gemeinsam nachgehen. Den Auftakt bildet eine Bestandsaufnahme des Neoliberalismus als herrschendes gesellschaftliches Modell: Was macht ihn aus, wo steht er heute, was hat sich verändert und was ist beunruhigend gleich geblieben?
Daran anschließend diskutieren wir, ob die viel beschworene „Zeitenwende“ tatsächlich einen qualitativen Bruch markiert oder eher eine Kontinuität in neuer Verpackung darstellt. Erleben wir den Anfang vom Ende des Neoliberalismus oder seine autoritäre Zuspitzung?
Zwei weitere Themenblöcke befassen sich einerseits mit Militarisierung und Kriegsvorbereitung als einem Bereich, der die gesellschaftlichen Ressourcen, die politischen Prioritäten und das gesellschaftliche Klima zunehmend prägt. Andererseits geht es um das, was wir als Brutalisierung des gesellschaftlichen Alltags begreifen: der wachsenden Rohheit in sozialen Verhältnissen, in der politischen Sprache und im öffentlichen Umgang miteinander. Diese Tendenzen sind keine bloßen Stimmungsphänomene, sondern haben materielle Ursachen und reale Konsequenzen für das Leben vieler Menschen.
Konkret greifbar werden diese Entwicklungen in mehreren Workshops: zu Obdachlosigkeit als extremster Ausdruck sozialer Ausgrenzung, zu Körper, Gesundheit und Arbeit unter den Bedingungen eines sich wandelnden Arbeitsmarkts, zur gewerkschaftlichen Perspektive was es bedeutet, wenn Rüstungsproduktion als Ausweg aus der Krise präsentiert wird. Darüber hinaus sollen sie ins Verhältnis gesetzt werden zu Migration, Geschlechterverhältnissen und dem seit dem 7. Oktober 2023 zu vernehmenden verstärkten Ausbruch antisemitischer Einstellungen.
Geplant ist, die Inhalte in verschiedenen Blöcken über die Tage zu bearbeiten mit jeweils einem kleinen Abendprogramm. Anders als beim Kongress im letzten Jahr soll so mehr Raum und Zeit sein, um miteinander in Streit und Diskussion zu kommen und die Inhalte (statt sie nebeneinander zu stellen) aufeinander zu beziehen.
Gemeinsam mit Ge.Bi.s.S. e.V.