In Deutschland hat die Diskussion um Jens Spahn und die von ihm und seinem Mann in Anspruch genommene Leihmutterschaft eine große Diskussion ausgelöst. Nur am Rande wurde dabei thematisiert, dass Leihmutterschaft mittlerweile ein globales Geschäft ist, das in einen expandierenden Reproduktionsmarkt eingebettet ist. Wir nutzen daher den zweiten Block der internationalen Webinar-Reihe, um uns dem Geschäft mit der Leihmutterschaft und der Rolle von Technologien, Märkten und Ideologien dabei zu beschäftigen. Wer wird global dazu befähigt, Kinder zu bekommen?
Von dem Versprechen technologischer „Lösungen“ und genetischer Selektion bis hin zur Auslagerung von Schwangerschaften in den Globalen Süden, zeichnen die drei kommenden Webinare nach, wie neoliberale globale Ungleichheiten, Profitstreben, und Biotechnologien in der Politik der Reproduktion ineinandergreifen. Gemeinsam mit Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen aus politischer Ökonomie, Film und Kunst, Wissenschafts- und Technikforschung sowie feministischer Theorie fragen wir: Wer profitiert von der reproduktiven Arbeit anderer, wer leistet diese reproduktive Arbeit, und wer wird in der globalen Bio-Ökonomie der Reproduktion mitgedacht? Und wie wird dabei Bevölkerungspolitik mit dem Ziel, „perfekte Babies“ zu produzieren, betrieben?
Die Veranstaltung findet auf Englisch statt, keine Übersetzung ins Deutsche oder Spanische.
Sci-Fi turned reality: On the Techno-Libertarian project of „building“ „perfect babies“
Das eigene Kind zu „designen“, war lange Zeit Stoff für Science-Fiction-Filme. Heute argumentiert eine wachsende techno-libertäre Bewegung in den USA, dass dies keine Fantasie mehr, sondern nur ein technisches Problem sei, das nur noch gelöst werden müsse – und zwar von Märkten, nicht von gewählten Regierungen. Diese Denkrichtung, manchmal auch „neoliberale“ oder „libertäre“ Eugenik genannt, setzt nicht auf staatlichen Zwang, um zu entscheiden, wer sich fortpflanzen darf und wer nicht – anders als historische Eugenik-Bewegungen. Stattdessen vertraut sie auf Märkte und individuelle Wahlfreiheit: Wenn Menschen einfach frei darüber entscheiden können, die genetische Ausstattung ihrer Kinder auszuwählen, zu kaufen oder zu optimieren, entsteht daraus eine Form „neuer Eugenik“ -verpackt in die Sprache von Freiheit, Innovation, Gesundheit und Konsumenti*nnen-Wahl. „Das eigene Baby bauen“ wird so zu einem Projekt, das eng mit Kapital und Macht verknüpft ist. Dieses Webinar schließt unsere Reihe mit der Frage ab, was diese techno-libertäre Vision vom „Bauen“ des perfekten Babys mit Reproduktion – und insbesondere mit Leihmutterschaft – zu tun hat. Da reproduktive Technologien von IVF über Eizellspende bis hin zu Leihmutterschaft zunehmend global, kommerzialisiert und danach gestaffelt sind, wer sich was leisten kann, sind Fragen nach genetischer „Qualität“, Selektion und Optimierung nie weit entfernt. Das Webinar diskutiert, wie diese marktgetriebenen Vorstellungen von menschlicher „Verbesserung“ mit der umfassenderen politischen Ökonomie der Reproduktion zusammenhängen, die wir in dieser Reihe nachgezeichnet haben – und was auf dem Spiel steht, wenn das Science-Fiction-Versprechen des „perfekten Babys“ nicht in öffentlicher Debatte und durch Regulierung verhandelt wird, sondern über den Markt. Diese abschließende Sitzung führt die Fäden unserer vorherigen Gespräche über Leihmutterschaft in Ghana und die globalen Fertilitätsketten durch Georgien zusammen und weitet den Blick auf die größeren ideologischen Strömungen, die weltweit prägen, wie Reproduktion organisiert, verkauft und reguliert wird.